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Verzichten und einfach gut leben

Foto: Ingrid Fusenig
Geistreich und anregend: Sozialpsychologin Herrad Schenk gibt in der Dom-Information Trier ihre Erkenntnisse „vom einfachen Leben“ weiter.

Verzichten und einfach gut leben

Von: Ingrid Fusenig | 19. Oktober 2014
Die Lösung schlechthin hat sie nicht mitgebracht. Da macht Herrad Schenk den Zuhörern in der Dom-Information Trier nichts vor. Gleichwohl steckt ihr Vortrag "vom einfachen Leben" voller Impulse. Keine Lösung zwar, aber ein Vorschlag: Sensibilisierung durch Verzicht.

Wer Literatur zur Frauenbewegung schätzt, ist längst einmal auf ihren Namen gestoßen, hat ihre Werke gelesen und sieht sich vielleicht sogar als Vertraute im Geist. Doch wer glaubt, sie deshalb zu kennen, irrt vermutlich. Dr. Herrad Schenk hat Romane und Sachbücher ganz unterschiedlicher Natur geschrieben und ist Herausgeberin diverser Anthologien. Mal geht es um Glück, Schicksal, Planbarkeit des Lebens, mal um den "Altersangst-Komplex" oder eben das "einfache Leben; die Suche zwischen Überfluss und Askese". Dieses Wissen gibt sie auch in Vorträgen weiter – wie am 1. Oktober in der Dom-Information.

Der Fundus, aus dem sie schöpfen kann, ist groß: Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften; wissenschaftliche Assistentin am Institut für Sozialpsychologie an der Universität Köln; 1975 Promotion im Themenbereich Gerontologie (Wissenschaft vom Alter und Altern); seit 1980 freie Schriftstellerin; Leiterin von Schreibwerkstätten.

"Einfaches Leben" – ein uraltes, aktuelles Thema

"Einfaches Leben" – für die 1948 in Detmold geborene Herrad Schenk ist das ein "schwimmender Begriff". "Was bedeutet das?" fragt sie. "Sparsam, bescheiden zu leben? Nicht zu viele Gebrauchsgegenstände anzuhäufen? Naturnah zu leben? Heimischem Obst und Gemüse den Vorzug zu geben? Oder ist es die Weigerung, jeden Trend und jede Mode mitzumachen?" Oder systematischer betrachtet: "Einfachheit als Gegenpol zu Überfluss, Verschwendung, Reichtum; Einfachheit als Gegenpol zu Vielfalt, Komplexität, Unüberschaubarkeit; als Gegenpol zu Zivilisation und Technik?"

Schenk: "Das Ideal des einfachen Lebens hat immer schon eine Rolle gespielt, ist ein uraltes Thema." Zum Beweis liefert sie einen Streifzug durch die Geschichte, stellt Kulturkreise und Menschen vor, die dieses Leben propagierten: Diogenes in seiner Tonne etwa oder Sokrates, der sagte: "Nichts zu bedürfen ist göttlich, möglichst wenig zu bedürfen kommt der göttlichen Vollkommenheit am nächsten." Auch in allen Religionen gebe es Beispiele: "Jesus, Buddha, Muhammed – alle haben einfach gelebt." Darüber hinaus gebe es Gesellschaften, die ihren Mitgliedern zwangsweise ein Leben in Einfachheit vorschreiben. Schenk spricht von einer Pervertierung von Einfachheit, "etwa in Diktaturen; der Nationalsozialismus zum Beispiel hat das einfache Leben gepredigt."

Die Autorin: "Neu an der Debatte ist die ökologische Dimension. Erstmals in den 70er Jahren ging es um Klimawandel und begrenzte Ressourcen." Ganz neu sei "der ökologische Imperativ als Motor für eine Lebensphilosophie der Einfachheit: 'Entweder wir reduzieren unsere materiellen Ansprüche, unseren verschwenderischen Umgang mit den Ressourcen, unsere ungeheure Konsummentalität – oder wir werden in Zukunft von einer ökologischen Katastrophe dazu gezwungen werden'". Es sei eine neue Variante der alten Idee der sozialen Gerechtigkeit. Es könne nicht angehen, dass ein Zehntel der Menschheit mehr als die Hälfte der Ressourcen verbraucht. "Unser Ziel kann nur sein, dass unser Niveau runtergehen muss, damit andere etwas mehr haben. Luxus für alle Menschen geben die ökologischen Ressourcen einfach nicht her. Wenn wir weiterhin auf Kosten der Anderen leben, werden soziale Konflikte noch heftiger."

Wenn wir Eichhörnchen genügsam leben würden

Herrad Schenk bezieht auch die Zuhörer mit ein. Wovon haben sie zu viel? "Schuhe, Vorgaben, Hektik, Nippes" lauten einige Antworten. Und wovon zu wenig? "Zeit, Muße, Gelassenheit." Zeit, Muße? In der Tat, viele Menschen in der westlichen Welt sehnten sich nach einem einfachen Leben, um dem Stress und der Hektik zu entfliehen. "Wir stehen ständig unter der Aufforderung, viele Dinge tun zu müssen." Es gelte, von "sich wegzuhalten, was zu viel ist".

"Wie die Eichhörnchen sind wir stets darum bemüht, einen Vorrat zu schaffen. Das sitzt tief in unserem Blut", sagt Schenk. In den Nachkriegsjahren sei es in Deutschland vielen gelungen, eine relativ soziale Sicherheit zu bekommen. "Nun treibt uns die Angst um, dass es anders werden würde." Genauso sei das mit dem Wirtschaftswachstum. "Es wird als Untergang gewertet, wenn es einmal nicht wächst. Dabei ist diese Wirtschaftsordnung ja kein Naturgesetz. Aber es kann doch nicht immer weiterwachsen, das ist ein Prinzip, das langfristig nicht gutgeht. Eine Lösung? Ich weiß keine, fragen sie mich nicht." Man müsse zudem immer an die Folgen des Tuns denken: Würden alle Menschen nur noch eine Jeans pro Jahr kaufen, würde das eine ganze Industrie zum Einknicken bringen.

"Mein Problem ist: Wir Kleinen sollen das Riesensystem retten, während andere Energieverschleuderer sind", lautet an diesem Abend ein berechtigter Einwand. Was also tun? Die Negativversion laut Herrad Schenk: "Wir machen so weiter, und irgendwann kommt eine Katastrophe." Die Positivversion: "Wir verabschieden uns von der Idee des Wachstums und versuchen, die Qualität des Lebens zu steigern."

Aus Sicht der Schriftstellerin sollten wir uns wieder einer These aus der Antike zuwenden: "Ich tue mir einen Gefallen, indem ich genügsamer lebe." Sensibilisierung durch Verzicht, Genügsamkeit, Bescheidenheit – wie gesagt, keine Lösung, für Herrad Schenk aber wichtige "Bausteine", auch in Zukunft einfach gut leben zu können.

  • Serie
    Ein eigenes Haus, ein Auto, regelmäßiger Urlaub, Fernreisen, ein möglichst gut gefülltes Bankkonto. So sah lange Zeit der Traum vom Wohlstand aus. Doch immer mehr setzt sich heute die Erkenntnis durch: „Viel haben“ heißt noch nicht „gut leben“, und „weniger ist vielleicht mehr“.

    In Zusammenarbeit mit Barbara Schartz vom Themenschwerpunkt Schöpfung bei der Katholischen Erwachsenenbildung im Bistum stellen wir deshalb in einer lockeren Serie Menschen vor, die für Veränderung eintreten oder anders leben, bewusst anders leben (vgl. zuletzt „Julia Koch und das Repair-Café Trier“, „Paulinus“ Nr. 39 vom 28. September, Seite 15).



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Einfach Leben

Ein eigenes Haus, ein Auto, regelmäßiger Urlaub, Fernreisen, ein möglichst gut gefülltes Bankkonto. So sah lange Zeit der Traum vom Wohlstand aus. Doch immer mehr setzt sich heute die Erkenntnis durch: „Viel haben“ heißt noch nicht „gut leben“, und „weniger ist vielleicht mehr“. In Zusammenarbeit mit Barbara Schartz vom Themenschwerpunkt Schöpfung bei der Katholischen Erwachsenenbildung im Bistum beleuchten wir das Thema in einer lockeren Serie und stellen Menschen vor, die für Veränderung eintreten oder anders leben.



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