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Im Einklang mit der Natur

Foto: Uschi Friedenberger
Präsentieren stolz eine Kiste prächtiger Äpfel: Anni und Alois Sigl auf ihrem Einödhof im Bayerischen Wald.

Im Einklang mit der Natur

Von: Uschi Friedenberger | 18. Januar 2015
Einfach leben: warum Anni und Alois Sigl so bekannt sind – und was man von den beiden lernen kann.

„Arm sind nicht die, die wenig haben, sondern die, die viel haben und nicht genug kriegen!“ So lautet das Motto von Anni Sigl, die seit ihrer Hochzeit vor 53 Jahren mit ihrem Mann Alois Sigl auf dem Einödhof in Hilgenreith bei Innernzell im Bayerischen Wald ein bescheidenes, zufriedenes Leben führt. Einfach leben – darüber brauchen Anni (78) und Alois (80) nicht nachzudenken. Ein Leben ohne Heizung, Bad, Auto und Großeinkäufe im Supermarkt ist für sie selbstverständlich. Sie leben von und mit der Natur, im Einklang mit den Jahreszeiten.

Mit der Ruhe und Beschaulichkeit auf ihrem Hof war es allerdings vorbei, als im Jahr 2012 im Ludwig-Verlag das Buch „Anni und Alois. Arm sind wir nicht. Ein Bauernleben“ erschien. 35 000 mal hat sich das Buch nach Angaben des Verlages bislang verkauft, die Sigls wurden zudem Hauptdarsteller mehrerer Beiträge im Bayerischen Fernsehen. Auch wird Anni Sigl oft als Expertin zu Vorträgen geholt, wo die Bäuerin ihr enormes theoretisches und praktisches Wissen weitergibt.

„Wir leben wie vorher, nur dass wir jetzt jeden Tag Leute da haben“, bringt es Anni Sigl auf den Punkt. Im Grunde freuen sich die zwei über das Interesse, aber manchmal werde der Trubel schon fast zuviel, meint die 78-Jährige: „Die Leute kommen meistens unangemeldet, sie stehen plötzlich da und verstehen nicht, dass ich nicht immer Zeit habe, mit ihnen im Garten rum zu gehen. Aber wenn der Alois und ich grad beim Holz spalten sind, wenn ich viel Arbeit im Garten habe oder grad beim Kochen bin, kann ich ja nicht immer alles stehen und liegen lassen!“

Der Hof verlangt täglich harte Arbeit

Bei dem Hof in Hilgenreith handelt es sich schließlich nicht nur um ein Natur-Idyll und schon gar nicht um ein Museum. Hier wird täglich harte Arbeit verrichtet. Die beiden Selbstversorger ernten, was ihre zwei Gärten und die Obstbäume hergeben. „Alles was es an Gemüse gibt, hob i“, freut sich Anni Sigl. Von Lauch, Sellerie, Rosenkohl, Tomaten, Paprika, Zwiebeln, Knoblauch, Karotten, Oregano, Petersilie, Schnittlauch bis hin zu sämtlichen Salaten, Grünkohl, Rote Bete, Bohnen, Beeren in allen Formen und Farben reicht die Palette. Und das will alles auch gepflegt, geerntet, verarbeitet und gelagert werden.

Äpfel mag sie, aber keinen Einheitsgeschmack

Allein über das Thema „Apfelernte bei den Sigls“ könnte man Bände schreiben. 146 verschiedene Apfelsorten auf den 65 Apfelbäumen kommen da zusammen. Aber es sollen noch mehr werden: „200 Sorten möchte ich schon noch zusammenbringen“, hofft die passionierte Gärtnerin und lacht: „Ich hab ja gesagt, ich werd‘ 100 Jahr alt wie mein Onkel, der Passauer Domdekan Max Thurnreiter.“

Sechs kleine Äpfel isst sie gewöhnlich pro Tag, drei am Vormittag, drei am Nachmittag – oder drei große. Eine Sorte Äpfel mag sie aber überhaupt nicht – und das sind die aus dem Supermarkt: „Geh, die schmecken doch alle einheitlich, und gespritzt sind sie auch“, meint die Selbstversorgerin gar nicht begeistert. „In Europa gibt es rund 5000 Apfelsorten. Aber im Geschäft werden nur fünf oder sechs verschiedene Sorten angeboten.“

Einmachen und Einfrieren tut Anni Sigl so ziemlich alles, was der Garten hergibt: „Meine drei Gefriertruhen hab ich schon bummvoll“, zeigt sie stolz das Ergebnis von unzähligen Arbeitsstunden. Der Inhalt von eineinhalb Gefriertruhen ist dabei allein der Wintervorrat für die Hühner: „Denen mische ich im Winter zu den Kartoffeln, geraspelten Äpfeln, Weizen, Hafer und Mais auch Karotten, Zwiebeln, Knoblauch, Petersilie, Oregano und Schnittlauch unters Futter – und dazu noch Löwenzahn- und Brennnesselblätter, alles klein geschnitten.“ Für diesen abwechslungsreichen Speiseplan bedanken sich die Hühner bei ihrer Chefin mit bemerkenswerter Produktivität das ganze Jahr über: „Die legen auch im Winter. Und bei uns ist auch keine Henne krank!“

Ab und zu mit dem Traktor zum Einkaufen

Ja, hier in Hilgenreith ernährt sich das Federvieh gesünder, als viele Menschen das heutzutage tun, geht es einem durch den Kopf. Die 40 Hühner – darunter Araucana-Hühner aus Chile, Maran-Hühner, ein französisches Bressehuhn sowie Hybridhühner ziehen munter gackernd ihre Bahnen übers Sigl-Anwesen.

Anni Sigl ist jetzt in Aufbruchsstimmung. Mit einer Einkaufstasche marschiert sie zielstrebig zum Bulldog und fährt ihn aus der Scheune. Denn etwa alle fünf Wochen macht sie sich mit dem 35 PS starken Gefährt und rund 20 km/h auf zum Einkaufen nach Innernzell. „Immer noch schneller als zu Fuß!“ sagt sie schlagfertig und betont: „Viel brauche ich nicht. Wir haben ja fast alles selber. Vom Mehl kaufe ich gleich einen halben Zentner und vom Salz einen großen Eimer mit 30 Pfund. Das g‘langt dann eh ein Jahr." Am liebsten ist es ihr sowieso, wenn sie vom Geschäft wieder draußen ist und mit dem Bulldog ihrem Heim entgegenfährt.

Sie sitzt noch auf dem Bulldog, da spaziert schon wieder ein Paar daher. Die zwei möchten mit der bekannten Bäuerin sprechen und ihre Apfelbäume anschauen. Sie lässt sich noch bereitwillig fotografieren, dann fallen erste Regentropfen. Im Haus wartet ohnehin viel Flick-Arbeit. „Wegwerfen tu ich nix." Wenig später ist sie wieder im Garten unterwegs und überlegt, dass sie bald dem Unkraut zu Leibe rücken muss. Die nächste Arbeit, die ansteht, ist es, zum Schutz vor Schädlingen um jeden Baumstamm und jeden Pflock Leimringe zu befestigen. „Das ist eine pappige Angelegenheit!“, schmunzelt Anni Sigl.

Medienstar Anni Sigl ist bescheiden geblieben, betrachtet liebevoll das Federvieh, streichelt der Katze „Maukei“ übers Fell und fühlt sich pudelwohl inmitten ihrer Gartenpracht. Obwohl die kaputte Bandscheibe ihr Schmerzen beschert und die Arbeit nie ausgeht, sagt sie voller Überzeugung: „Uns fehlt nix. Was wollen wir denn mehr?“



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